
FLUGPLATZ BERLIN KARLSHORST – BIESDORF
Der Flugplatz Berlin-Karlshorst/Biesdorf gehört zu den fast vergessenen frühen Luftfahrtorten im Osten Berlins. Seine Geschichte beginnt nicht mit einem klassischen Flughafen, sondern mit einem außergewöhnlichen Luftschiffprojekt der Siemens-Schuckertwerke auf dem Biesenhorst. Dort entstand ab 1907 eine drehbare Luftschiffhalle, die damals als technische Besonderheit galt und den Standort kurzzeitig zu einem wichtigen Versuchsgelände der deutschen Luftfahrt machte.
Später entwickelte sich aus dem Umfeld dieses Geländes die Fliegerstation Berlin-Friedrichsfelde. Während des Ersten Weltkriegs entstanden hier Flugzeughallen, Werkstätten und militärische Einrichtungen. Nach dem Krieg verlor der Platz seine ursprüngliche Luftfahrtfunktion, blieb aber als Militärstandort weiter bedeutend. Besonders Karlshorst wurde später durch die sowjetische Nutzung und die Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs historisch bekannt.
Heute ist vom ehemaligen Flugplatz kaum noch etwas auf den ersten Blick zu erkennen. Doch Straßennamen, erhaltene Hallen und Spuren im Gelände erinnern daran, dass zwischen Biesdorf, Karlshorst und Friedrichsfelde einst ein wichtiger Abschnitt Berliner Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde.
Am alten Flugplatz
D-10318 Berlin
IATA: n/a
ICAO: n/a
Gelände: 1,5 Millionen m²
GESCHICHTE
Der Biesenhorst als offenes Gelände vor der Luftfahrtzeit (bis 1907)
- Vor 1907 lag das spätere Flugplatzgelände noch am Rand der damaligen Berliner Vororte. Der Bereich gehörte zum Umfeld des Gutes Biesdorf und lag zwischen den Siedlungsräumen Biesdorf, Friedrichsfelde und Karlshorst. Das Gelände war groß, offen und nur locker bebaut. Genau diese Eigenschaften machten es für frühe Luftfahrtversuche interessant, denn Luftschiffe und Flugzeuge brauchten freie Flächen, wenig Hindernisse und eine gewisse Distanz zur dichten Stadtbebauung. Aus diesem vormals landwirtschaftlich geprägten Raum entwickelte sich innerhalb weniger Jahre einer der ungewöhnlichsten Luftfahrtstandorte Berlins.
Siemens entdeckt Biesdorf als Luftschiffstandort (1907 – 1909)
- 1907 begann die eigentliche Luftfahrtgeschichte des Geländes. Georg Wilhelm von Siemens, Eigentümer von Gut und Schloss Biesdorf, stellte den Siemens-Schuckertwerken eine große Fläche des Gutes zur Verfügung. Dort sollte die Entwicklung militärisch nutzbarer Luftschiffe vorangetrieben werden. Für Siemens war dies der Versuch, in die junge Luftfahrt einzusteigen und neben den bekannten Zeppelin-Entwicklungen ein eigenes Luftschiffprojekt aufzubauen.
- 1907 bis 1909 entstand im Bereich Biesdorf-Süd eine technisch außergewöhnliche Luftschiffhalle. Die Halle war rund 135 Meter lang, etwa 25 Meter breit und etwa 25 Meter hoch. Ihr besonderes Merkmal war die Drehbarkeit: Die gesamte Konstruktion konnte auf einem Schienenkranz in den Wind gedreht werden. Dadurch ließ sich die Hallenöffnung günstiger zur Windrichtung ausrichten, was das Ein- und Ausbringen eines empfindlichen Luftschiffs deutlich erleichterte. Diese drehbare Luftschiffhalle galt als technische Weltneuheit.
- 1909 war der Standort damit nicht einfach nur ein Flugfeld, sondern ein hochmodernes Versuchsgelände für den Luftschiffbau. In der Halle wurde das halbstarre Luftschiff Siemens-Schuckert I gebaut. Um die Halle herum entstanden technische Einrichtungen, Werkstätten, Versorgungsanlagen und Vorrichtungen für den Umgang mit Wasserstoff. Der Standort war dadurch eher ein Luftschiffbau- und Versuchswerk als ein klassischer Flugplatz im heutigen Sinn.
Der Siemens-Luftschiffbetrieb und das Ende der ersten Versuchsepoche (1909 – 1912)
- 1909 bis 1912 wurde die Luftschiffhalle für den Bau und die Erprobung des Siemens-Schuckert-Luftschiffs genutzt. Die Anlage war für ihre Zeit außergewöhnlich, blieb aber eng mit einem einzigen großen Entwicklungsprojekt verbunden. Anders als spätere Flugplätze mit regelmäßigem Flugverkehr war Biesdorf zunächst ein technischer Versuchsort, an dem Industrie, Militärinteresse und frühe Luftfahrttechnik zusammenkamen.
- 2. Mai 1912 erlitt das Siemens-Schuckert-Luftschiff bei einer Versuchsfahrt eine schwere Havarie. Nach diesem Unfall wurde das Luftschiff abgewrackt. Siemens stellte die eigene Luftschiffentwicklung anschließend ein. Damit endete die erste große Luftfahrtphase des Geländes. Die gewaltige drehbare Halle blieb zwar bestehen, verlor aber ihren ursprünglichen Zweck als Zentrum des Siemens-Luftschiffbaus.
Kurzzeitige militärische Nutzung der Luftschiffhalle (1914)
- Januar bis August 1914 wurde die Luftschiffhalle noch einmal genutzt. Georg Wilhelm von Siemens stellte sie der Heeresverwaltung für Versuchsfahrten mit dem halbstarren Militärluftschiff M IV zur Verfügung. Diese Nutzung fiel in die unmittelbare Vorkriegszeit, als die militärische Bedeutung der Luftfahrt in Deutschland stark zunahm. Die Halle blieb damit ein militärisch interessanter Standort, obwohl Siemens die eigene Luftschiffentwicklung bereits aufgegeben hatte.
- Sommer 1914 veränderte der Beginn des Ersten Weltkriegs die Bedeutung des gesamten Areals. Die Luftfahrt entwickelte sich nun sehr schnell von einer experimentellen Technik zu einem festen Bestandteil militärischer Planung. Im Raum Karlshorst/Biesdorf wurde daraus wenige Jahre später eine neue militärische Infrastruktur, die nicht mehr vom Luftschiff, sondern vom Flugzeug geprägt war.
Entscheidung für einen Militärflugplatz in Karlshorst/Friedrichsfelde (1916)
- 8. Dezember 1916 beschloss der Gemeindevorstand von Friedrichsfelde, im Ortsteil Karlshorst einen Flugplatz zu entwickeln. Die Gemeinde erhoffte sich durch die Ansiedlung einer Garnison langfristige finanzielle Vorteile. Die preußische Militärverwaltung stimmte zu, den künftigen Flugplatz zu übernehmen und für eine lange Nutzungsdauer Pacht zu zahlen. Damit begann die zweite große Luftfahrtphase des Geländes: Aus dem Umfeld des früheren Luftschiffstandorts wurde eine militärische Fliegerstation.
- 1916/1917 wurde für die geplante Anlage eine Fläche von rund 150 Hektar angekauft. Zusätzlich mussten Verkehrswege, Wasser- und Stromleitungen sowie ein Gleisanschluss geschaffen werden. Die Investitionen zeigen, dass hier keine einfache Grasfläche entstehen sollte, sondern ein vollwertiger militärischer Flugplatz mit Hallen, Werkstattbereichen und eigener Versorgung.
Bau der Fliegerstation Berlin-Friedrichsfelde (1917 – 1918)
- Februar 1917 begann der Bau eines Anschlussgleises für das Flugfeld. Die Bahnverbindung war wichtig, weil Baumaterial, Ausrüstung, Flugzeugteile und militärische Versorgungsgüter in größerem Umfang transportiert werden mussten. Die eingleisige Güterbahnstrecke wurde später intensiv genutzt und war ein wesentlicher Teil der militärischen Infrastruktur des Flugplatzes.
- April 1917 starteten die Bauarbeiten an den Flugzeughallen. Mit der Bauausführung wurde die Münchner Baugesellschaft Gebrüder Rank beauftragt. Die Hallen entstanden in einer damals modernen Stahlbetonbauweise und unterschieden sich deutlich von vielen einfacheren Holzhallen anderer Flugplätze. Sie dienten nicht nur als Unterstellräume, sondern auch als Reparatur- und Werkstattbereiche.
- 1917 bis 1918 wuchs die Fliegerstation Berlin-Friedrichsfelde zu einem der wichtigen militärischen Luftfahrtstandorte im Berliner Osten heran. Die Anlage bestand aus mehreren Flugzeughallen, Werkstattbauten, Versorgungsbereichen und dem eigentlichen Flugfeld. Bereits während der Bauarbeiten begann der Flugbetrieb. Auf dem Gelände wurden neue Piloten ausgebildet, und militärische Dienststellen nutzten die Überflugmöglichkeiten auch für Aufgaben der Luftbild- und Beobachtungsausbildung.
- 1918 kamen auf zusätzlichem Gelände weitere Flugzeug- und Werkstatthallen hinzu. Der Ausbau zeigt, wie stark die militärische Luftfahrt im letzten Kriegsjahr an Bedeutung gewonnen hatte. Der Standort wurde in dieser Zeit nicht als ziviler Flughafen gedacht, sondern als militärischer Zweckbau für Ausbildung, Wartung, Stationierung und technische Unterstützung.
Kriegsende, Versailler Vertrag und eingeschränkte Nachnutzung (1919 – 1920er Jahre)
- 1919 brachte das Ende des Ersten Weltkriegs einen tiefen Einschnitt. Der Versailler Vertrag untersagte Deutschland den militärischen Flugzeugbau und den Betrieb militärischer Luftstreitkräfte. Damit verlor die Fliegerstation Berlin-Friedrichsfelde ihre ursprüngliche Aufgabe. Auf dem Gelände entstanden jedoch noch Übergangsnutzungen, darunter eine Fliegerstaffel für den Grenzschutz Ost und eine Polizeifliegerstaffel.
- 1919 wurde auch die frühere Siemens-Luftschiffhalle in Biesdorf-Süd demontiert. Die Demontage stand im Zusammenhang mit den Nachkriegsbestimmungen und dem Ende der militärisch relevanten Luftschiffnutzung. Von der einst weltweit beachteten drehbaren Halle blieben später nur noch Spuren im Gelände und im historischen Gedächtnis des Ortes.
- 1920er Jahre verlor der Flugplatz weiter an Bedeutung. Die militärische Nutzung war stark eingeschränkt, und der Standort lag zunehmend zwischen alten Luftfahrtstrukturen, nachwirkenden militärischen Eigentumsfragen und neuen städtebaulichen Entwicklungen. Die Hallen überstanden diese Zeit, während andere vergleichbare Anlagen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs an anderen Orten verschwanden.
Rückbau und Wandel vor der Wiederaufrüstung (frühe 1930er Jahre)
- Frühe 1930er Jahre wurde die Eisenbahnanbindung des ehemaligen Militärflugplatzes zurückgebaut. Das zeigt, dass der Standort in dieser Phase nicht mehr als aktiver Fliegerhorst mit großem Materialumschlag diente. Die frühere Luftfahrtfunktion trat in den Hintergrund, während die vorhandenen Gebäude und Flächen als militärische Reserve- und Entwicklungsflächen erhalten blieben.
- 1932 lassen Archivhinweise erkennen, dass Teile der Baracken und Flugzeughallen bereits für andere Zwecke umgebaut oder neu genutzt wurden. Das Gelände war damit noch nicht verschwunden, aber seine ursprüngliche Rolle als Fliegerstation hatte sich deutlich verändert. Aus dem Flugplatz wurde zunehmend ein militärischer Standort mit anderer Schwerpunktsetzung.
Ausbau zur Pionierschule und Ende der Flugplatzfunktion (1936 – 1942)
- 1936 begann auf dem ehemaligen Flugplatz- und Militärgelände der Bau der Pionierlehranstalt für Offiziere der Wehrmacht, auch Pionierschule I genannt. Diese neue Nutzung gehörte zur Aufrüstungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands. Der frühere Flugplatzcharakter wurde dadurch weiter zurückgedrängt. Das Gelände wurde nun vor allem als Ausbildungs- und Kasernenstandort der Wehrmacht geprägt.
- 1. April 1937 wurde die Pionierschule I in Karlshorst eröffnet. Die Anlage war großzügig geplant und umfasste Schul-, Unterkunfts-, Verwaltungs- und Repräsentationsbauten. Besonders das spätere Offizierskasino wurde für die Geschichte des Ortes bedeutsam, weil dort im Mai 1945 die deutsche Kapitulation gegenüber den Alliierten unterzeichnet wurde.
- 1. Oktober 1942 wurde die Pionierschule I in Festungspionierschule umbenannt. Damit erhielt der Standort eine noch stärkere militärische Spezialisierung. Die Luftfahrtgeschichte des Geländes war zu diesem Zeitpunkt im praktischen Betrieb weitgehend abgeschlossen, doch die alten Flugzeughallen blieben als bauliche Zeugnisse erhalten.
Kriegsende und sowjetische Übernahme des Geländes (1945)
- April 1945 nutzte die Rote Armee während der Schlacht um Berlin das Gelände in Karlshorst als wichtigen militärischen Standort. Das frühere Offizierskasino der Pionierschule wurde zum Hauptquartier sowjetischer Stellen. Damit verschob sich die Bedeutung des Ortes erneut: Aus dem ehemaligen Flugplatz- und Wehrmachtsstandort wurde ein Zentrum sowjetischer Macht in Deutschland.
- 8./9. Mai 1945 wurde im Offizierskasino in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet. Dieser Vorgang steht zwar nicht direkt für die Flugplatzgeschichte, ist aber untrennbar mit der späteren Nutzung des ehemaligen Militärgeländes verbunden. Karlshorst wurde dadurch zu einem der wichtigsten historischen Orte des Kriegsendes in Europa.
Sowjetische Sperrzone und Nachkriegsnutzung (1945 – 1994)
- 1945 bis 1949 diente der frühere Wehrmachtskomplex in Karlshorst als Hauptquartier der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland. Große Teile des Areals wurden zur sowjetischen Sperrzone. Die alten Flugzeughallen und Militärbauten blieben erhalten, wurden jedoch nicht mehr als klassischer Flugplatz genutzt.
- 1949 bis 1994 blieb Karlshorst ein bedeutender sowjetischer Militär- und Geheimdienststandort in der DDR. Die Nutzung der einzelnen ehemaligen Flugzeughallen ist nicht in allen Details dokumentiert. Bekannt ist aber, dass das Gesamtareal weiterhin militärisch geprägt blieb und für die Öffentlichkeit über Jahrzehnte kaum zugänglich war.
Denkmalstatus und Wiederentdeckung der Flugzeughallen (1997 – HEUTE)
- 1997 wurden die erhaltenen Flugzeughallen der ehemaligen Fliegerstation Berlin-Friedrichsfelde unter Denkmalschutz gestellt. Sie gelten als seltene bauliche Zeugnisse der militärischen Luftfahrt aus dem Ersten Weltkrieg. Besonders bemerkenswert ist ihre Stahlbetonbauweise mit kuppelartigen Dachkonstruktionen. Die Hallen erinnern daran, dass der Berliner Osten schon sehr früh ein wichtiger Raum der Luftfahrtentwicklung war.
- 21. Jahrhundert ist der frühere Flugplatz nicht mehr als zusammenhängende Luftfahrtanlage erkennbar. Teile des Areals gehören zum Naturraum Biesenhorster Sand, andere Bereiche wurden oder werden städtebaulich entwickelt. Die Straße „Am Alten Flugplatz“ erinnert noch an die frühere Nutzung. Die erhaltenen Hallen bilden heute die wichtigsten sichtbaren Relikte des Militärflugplatzes Berlin-Friedrichsfelde beziehungsweise des historischen Flugplatzraums Karlshorst/Biesdorf.

