FLUGPLATZ BIBLIS

Der ehemalige Flugplatz Biblis war ein getarnter Einsatzhafen I. der Luftwaffe im hessischen Ried. Die Anlage entstand ab 1936 zwischen Biblis und Einhausen und wurde nicht wie ein klassischer Fliegerhorst gestaltet, sondern bewusst in die Landschaft eingebunden. Hangars und Gebäude wirkten von außen wie Teile eines landwirtschaftlichen Anwesens. Tatsächlich verbarg sich dahinter ein militärischer Flugplatz mit Grasfläche, Hangars, Unterkünften, technischen Anlagen, Bahnanschluss und getarnten Abstellbereichen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Biblis von verschiedenen Luftwaffenverbänden genutzt, darunter Jagd-, Aufklärungs-, Schul- und Sonderverbände. In der Endphase des Krieges wurde der Platz mehrfach angegriffen und am 24. Dezember 1944 schwer beschädigt. Am 26. März 1945 nahmen US-Truppen den Flugplatz kampflos ein. Kurz darauf wurde das Gelände als alliierter Feldflugplatz Y-78 Biblis weiterverwendet. Heute ist der Flugplatz weitgehend verschwunden, doch einzelne Gebäude, Fundamentreste und Spuren im Gelände erinnern noch an seine militärische Vergangenheit.

Außerhalb
68647 Biblis
Deutschland

IATA: n/a
ICAO: n/a


GESCHICHTE

Die Vorgeschichte und Standortwahl des Flugplatzes Biblis (1936)
  • 1936 begann die Geschichte des späteren Einsatzhafens Biblis. Die Luftwaffe suchte im Rhein-Main-Gebiet nach geeigneten Flächen für neue militärische Flugplätze. Biblis bot dafür mehrere Vorteile: Das Gelände lag relativ eben im hessischen Ried, es gab Bahnanschlussmöglichkeiten, Straßen konnten angelegt werden und die Umgebung war dünn genug besiedelt, um eine größere militärische Anlage zu tarnen. Gleichzeitig lag der Standort strategisch günstig zwischen Rhein, Worms, Mannheim, Darmstadt und Frankfurt.
  • Spätherbst 1936 begannen die ersten größeren Arbeiten. Dafür wurde ein großes Waldgebiet gerodet. Nach zeitgenössischen und später ausgewerteten Berichten wurden rund 135 Hektar Wald freigemacht. Das Gelände war damals noch feucht und teilweise sumpfig. Der Grundwasserspiegel lag sehr hoch, weshalb der Bau nicht einfach war. Das Areal musste entwässert, planiert und tragfähig gemacht werden. Große Dampfpflüge wurden eingesetzt, danach folgten Drainagen, Entwässerungsleitungen und Sammelsysteme, um Wasser in Richtung Weschnitz abzuleiten.
Der Ausbau als getarnter Luftwaffen-Einsatzhafen (1937 – 1939)
  • 1937 wurde der Platz weiter ausgebaut. Biblis war kein klassischer Flughafen mit repräsentativer Architektur, sondern ein militärisch geplanter Einsatzhafen. Die Anlage sollte im Ernstfall schnell nutzbar sein, aber aus der Luft möglichst wenig auffallen. Genau deshalb spielte Tarnung eine große Rolle.
  • 1937 bis 1939 entstanden Rollflächen, Wege, Unterkünfte, Werkstattbereiche, Lager, Tankanlagen, Munitionsbereiche und Versorgungsbauten. Viele dieser Gebäude wurden so gestaltet, dass sie wie landwirtschaftliche Höfe oder normale Nutzgebäude wirkten. Der Tarnname „Schafweide“ passte dazu: Solche Plätze wurden bewusst als Wiesen- oder Weideflächen getarnt. Die Grasfläche musste kurz gehalten werden, damit Flugzeuge kurzfristig starten und landen konnten. In einem Fachbeitrag wird darauf hingewiesen, dass Biblis als Einsatzhafen I. Ordnung unter anderem über ein sogenanntes Luftwaffengut und einen Eisenbahnanschluss verfügte.
  • 1939 war der Platz militärisch bereits weitgehend vorbereitet. In der Literatur und in späteren Zusammenfassungen wird Biblis als einer der wichtigen Luftwaffenplätze im hessischen Ried beschrieben. Trotzdem blieb der Platz nach außen hin unauffällig. Für die Bevölkerung war zwar erkennbar, dass hier etwas Großes entstand, doch die militärische Bedeutung sollte möglichst verborgen bleiben.
Die offizielle Inbetriebnahme als Einsatzhafen I. Ordnung (1940)
  • 12. Februar 1940 wurde der Flugplatz Biblis nach Angaben aus militärhistorischen Zusammenstellungen offiziell in Betrieb genommen. Genannt wird er dort als Flugplatz Biblis, Tarnname „Schafweide“, und als Einsatzhafen 1. Ordnung. Die Fliegerhorstkommandantur wird mit E (v) 220/XII angegeben; außerdem war der Platz dem Fliegerhorst Mannheim-Sandhofen unterstellt.
  • 1940 war der Ausbau noch nicht vollständig abgeschlossen, aber die Grundstruktur war vorhanden. Eine zeitgenössisch zusammengefasste Beschreibung nennt unter anderem Start- und Landeflächen, Wasch- und Latrinenanlagen, Kantine, Küche, Schlafbaracken für Offiziere und Mannschaften, Straßen, Bahnverladebereiche, Entwässerung, Tanklager, Munitionsbereiche, unterirdische Schutzbauten, Flaktürme und ein Leitsystem. Der Platz wurde also nicht nur als einfache Grasfläche betrieben, sondern als vollwertiger militärischer Einsatzstützpunkt.
  • Sommer 1940 gewann Biblis während des Westfeldzuges an Bedeutung. Zeitzeugen berichteten später, dass täglich zahlreiche Dornier Do 17 in Richtung Westen starteten. Die Do 17, wegen ihrer schlanken Form auch „Fliegender Bleistift“ genannt, gehörte zu den typischen deutschen Kampfflugzeugen der frühen Kriegsjahre. Biblis war damit nicht nur Reserve- oder Ausweichplatz, sondern wurde aktiv in den Luftkrieg eingebunden.
Militärischer Betrieb und ständige Erweiterung des Platzes (1941 – 1942)
  • 1941 lief der militärische Betrieb weiter. Biblis diente als Einsatz-, Verlegungs- und Versorgungsplatz. Die Anlage war so ausgelegt, dass unterschiedliche Verbände den Platz nutzen konnten. Dazu gehörten Kampf-, Transport-, Schulungs- und später auch Nachtjagd- und Sonderverbände.
  • 1941 bis 1942 wurde der Platz weiter angepasst. Obwohl er 1940 als fertig gemeldet wurde, blieb er während des Krieges praktisch im Dauerumbau. Dazu gehörten Verbesserungen an den Start- und Landeflächen, zusätzliche technische Einrichtungen und der Ausbau für Nachtflugbetrieb. Das war typisch für viele Luftwaffenplätze dieser Art: Sie wurden nicht einmalig gebaut und dann unverändert betrieben, sondern ständig an neue militärische Anforderungen angepasst.
  • 1942 wurde Biblis zunehmend Teil eines größeren Netzes von Luftwaffenanlagen im Rhein-Main-Raum. In der Umgebung existierten weitere Plätze, Scheinflugplätze und Tarnanlagen. Der Platz Biblis war damit nicht isoliert zu betrachten, sondern als ein Baustein der Luftwaffen-Infrastruktur zwischen Rhein, Main und Neckar.
Verstärkte Nutzung, Nachtjagd und alliierte Aufmerksamkeit (1943)
  • 1943 veränderte sich die Rolle vieler deutscher Flugplätze. Der Luftkrieg über Deutschland wurde härter, alliierte Bomberverbände drangen immer häufiger tief ins Reichsgebiet ein, und Flugplätze im Westen und Südwesten Deutschlands wurden stärker in die Reichsverteidigung einbezogen.
  • 1943 wurde Biblis organisatorisch stärker mit anderen Luftwaffenstandorten verbunden. In mehreren Darstellungen wird der Platz für diese Phase dem Bereich Mannheim-Sandhofen zugeordnet. Neben klassischen Einsatz- und Transportaufgaben kamen zunehmend Nachtjagd- und Verteidigungsaufgaben hinzu. Für solche Aufgaben waren Funk-, Peil- und Wetterdienste wichtig. Auch die Umgebung des Platzes war durch militärische Infrastruktur geprägt.
  • 1943 rückte der Platz stärker in den Blick der Alliierten. Flugplätze waren für die alliierte Luftkriegsführung wichtige Ziele, weil dort Jagdflugzeuge, Nachtjäger, Treibstoff, Munition, Werkstätten und Personal konzentriert waren. Biblis war durch seine Lage und Nutzung ein lohnendes Ziel. In dieser Phase häuften sich Meldungen über Luftangriffe, Abstürze und militärische Vorfälle in der Region.
Angriffe, Sondernutzung und Arado Ar 234 in Biblis (1944)
  • Juni 1944 wird in regionalen Darstellungen von einem alliierten Angriff auf den Flugplatz Biblis berichtet. Dabei sollen mehrere Menschen ums Leben gekommen und Transportmaschinen zerstört worden sein. Solche Angriffe passten zur damaligen Lage: Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurden deutsche Flugplätze im Westen und Südwesten immer häufiger angegriffen, um die Luftwaffe am Boden zu schwächen.
  • 10. November 1944 begann eine besonders interessante Phase der Bibliser Geschichte. Nach Angaben eines Beitrags von Jürgen Zapf im Schatzsucher-Forum waren Arado Ar 234-Aufklärer des Sonderkommandos Sommer vom 10. November 1944 bis 14. März 1945 in Biblis stationiert. Ab Anfang Januar 1945 soll dort auch die Einweisung der 1.(F)/100 auf diesen Flugzeugtyp erfolgt sein. Die Arado Ar 234 war eines der modernsten Flugzeuge der Luftwaffe und gilt als erster einsatzfähiger strahlgetriebener Bomber beziehungsweise schneller Aufklärer der Welt.
  • 24. Dezember 1944 wurde Biblis Teil einer größeren alliierten Luftoperation. Die 100th Bomb Group Foundation dokumentiert für diesen Tag einen Einsatz gegen mehrere Flugplätze, darunter Biblis, Babenhausen und Kaiserslautern. Eine Staffel, die mit der 95th Bomb Group flog, bombardierte Biblis visuell mit PFF-Unterstützung. Der Bericht beschreibt starken Flakbeschuss und die Bombardierung des Flugplatzes als Ziel zur Schwächung deutscher Luftunterstützung während der deutschen Ardennenoffensive.
  • Ende 1944 war Biblis damit kein ruhiger Nebenplatz mehr, sondern ein gefährdeter und militärisch bedeutender Einsatzort. Der Platz wurde bombardiert, beschädigt und dennoch weiter genutzt. Besonders die Verbindung zur Arado Ar 234 macht Biblis aus luftfahrthistorischer Sicht bemerkenswert.
Zusammenbruch, deutsche Sprengungen und Einnahme durch US-Truppen (1945)
  • Januar bis März 1945 verschlechterte sich die Lage der deutschen Luftwaffe dramatisch. Treibstoffmangel, Materialverlust, zerstörte Infrastruktur und die zunehmende alliierte Luftherrschaft machten einen geordneten Flugbetrieb immer schwieriger. Dennoch war Biblis bis in die letzten Kriegswochen hinein militärisch relevant.
  • 14. März 1945 endete nach den Angaben zum Sonderkommando Sommer die Stationierung der Arado Ar 234-Aufklärer in Biblis. Danach rückte die Front schnell näher. Der Rhein wurde zur unmittelbaren Frontlinie, und der Raum Worms/Biblis geriet in den Bereich des alliierten Vormarsches.
  • 26. März 1945 nahmen amerikanische Truppen den Flugplatz kampflos ein. Damit endete die deutsche Nutzung des Einsatzhafens. Morr-Siedelsbrunn nennt dieses Datum ausdrücklich und beschreibt, dass damit die Zeit des offiziellen Flugbetriebs der Luftwaffe endete.
  • 2. April 1945 wurde Biblis von den Amerikanern als Advanced Landing Ground Y-78 Biblis in Betrieb genommen. Die USAAF-Liste der kontinentalen Flugplätze in Europa führt Biblis mit dem Code Y-78, dem Anfangsdatum 2-4-45 und der Stationierung der 27th Fighter Group von April bis Juni 1945.
  • April bis Juni 1945 nutzte die USAAF den Platz für den weiteren Vormarsch. Solche Advanced Landing Grounds waren schnell hergerichtete Frontflugplätze, die die taktischen Luftstreitkräfte nahe an die Bodentruppen heranbringen sollten. Biblis passte genau in dieses System: Ein eroberter deutscher Platz wurde kurzfristig wieder nutzbar gemacht und in den alliierten Vormarsch eingebunden. Die 27th Fighter Group operierte von dort aus in der Endphase des Krieges.
Ende des Flugbetriebs und Aufgabe des Flugplatzes (Sommer 1945)
  • Juni 1945 endete die amerikanische Nutzung durch die 27th Fighter Group. Nach dem Kriegsende in Europa verlor Biblis seine unmittelbare militärische Bedeutung. Der Platz war für den schnellen Vormarsch nützlich gewesen, aber nicht als dauerhafter US-Flugplatz vorgesehen.
  • Juli 1945 wurde der Flugplatz endgültig aufgegeben. Danach begann der langsame Rückbau. Die betonierten Gebäude und militärischen Anlagen wurden von den Siegermächten teilweise gesprengt. Anschließend wurden viele Reste von der Bevölkerung abgetragen. Baumaterial war nach dem Krieg knapp, und so wurden Baracken, Steine, Metallteile und andere verwendbare Materialien in der Region weitergenutzt.
Nachkriegszeit, zivile Nutzung und Funkanlage (1946 – 1950er Jahre)
  • Ab 1946 verschwand der Flugplatz als geschlossene militärische Anlage Stück für Stück. Große Teile des Geländes wurden wieder der Landwirtschaft oder dem Wald überlassen. Die militärische Struktur blieb aber noch lange im Gelände ablesbar, vor allem durch Betonreste, Entwässerungen, Fundamente, Wegeführungen und gesprengte Bauwerke.
  • Nach dem Krieg blieben einige Gebäude der ehemaligen Flugplatzleitung erhalten. Dazu gehörten Bereiche der Kommandantur, Wetterwarte und Unterkunftsbauten. Diese Gebäude haben laut Morr-Siedelsbrunn nahezu unverändert überdauert und werden heute unter anderem mit dem Bereich Gasthaus Jägerhof und einer Reitanlage in Verbindung gebracht.
  • 1950er Jahre entstand auf dem westlichen Flugplatzareal eine Kurzwellen-Sendeanlage, die mit Radio Free Europe/Radio Liberty verbunden wird. Damit bekam das ehemalige Flugplatzgelände eine neue Rolle im Kalten Krieg. Aus einem getarnten Luftwaffenplatz des Zweiten Weltkrieges wurde teilweise ein Standort für westliche Rundfunkübertragung in Richtung Osteuropa.
Das ehemalige Flugplatzgelände als historischer Ort (1960er Jahre bis HEUTE)
  • 1960er Jahre bis heute wurde das alte Flugplatzgelände nicht wieder als Flugplatz genutzt. Vieles wurde überwachsen, anderes verschwand durch Rückbau, Sprengung, landwirtschaftliche Nutzung oder spätere Umgestaltung. Trotzdem sind Spuren erhalten geblieben.
  • Es finden sich im Bereich des ehemaligen Flugplatzes noch Reste von Hangars, Nebengebäuden, Fundamenten, Entwässerungsschächten, Bunkern oder gesprengten Anlagen. Komoot-Hinweise und regionale Darstellungen erwähnen, dass sich im Wald noch Teile der alten Anlage befinden. Gleichzeitig wird ausdrücklich vor Munitionsresten und Blindgängern gewarnt. Das Gelände sollte deshalb nicht leichtfertig oder abseits erlaubter Wege betreten werden.
  • Heute ist der Flugplatz Biblis ein typisches Beispiel dafür, wie ein einst bedeutender militärischer Standort fast vollständig aus der Landschaft verschwinden kann und doch noch im Gelände nachwirkt. Wer die Geschichte kennt, erkennt an manchen Stellen, dass der Wald, die Wege, einzelne Gebäude und Reste im Boden nicht zufällig dort liegen.


Weitere interessante Informationen

WIKIPEDIA

Flugplatz Biblis

LEXIKON DER WEHRMACHT

Standort Biblis – Einsatzhafen I. Ordnung der Luftwaffe

DER WELTKRIEG WAR VOR DEINER TÜR

Der Einsatzhafen I. Ordnung Biblis

GESCHICHTSSPUREN

Ehemaliger Flugplatz Biblis / Einhausen

BIBLIS

Der Flugplatz der Luftwaffe zwischen Biblis und Einhausen (1936-1945) (PDF)

YOUTUBE

Erkundung des Flugplatz Biblis | Lost Place (de)

YOUTUBE

Der ehemalige Flugplatz in Biblis (de)


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