
FLUGHAFEN BERLIN-TEGEL
Der Flughafen Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ gehört zu den bekanntesten und emotionalsten Flughäfen Deutschlands. Kaum ein anderer Berliner Flughafen verbindet so viele Kapitel der Stadtgeschichte auf engem Raum: die Berliner Luftbrücke, den Kalten Krieg, den Sonderstatus West-Berlins, den Aufstieg zum wichtigsten Flughafen der Hauptstadt und schließlich die Schließung nach der Eröffnung des BER.
Tegel war nie ein gewöhnlicher Flughafen. Er entstand 1948 unter enormem Zeitdruck, weil West-Berlin während der Blockade dringend einen weiteren Versorgungsflugplatz brauchte. Aus diesem Provisorium wurde später ein Flughafen, der für viele Menschen zum Symbol kurzer Wege, direkter Abfertigung und echter Berliner Flughafenatmosphäre wurde. Besonders das sechseckige Terminal machte Tegel unverwechselbar.
Mit dem letzten Linienflug im November 2020 endete die zivile Geschichte von Berlin-Tegel. Ganz verschwunden ist die Luftfahrt dort aber nicht. Der Bereich Tegel Nord bleibt durch die Bundeswehr weiterhin von Bedeutung und zeigt, dass dieser Standort auch nach dem Ende des Passagierverkehrs ein Teil der Berliner Luftfahrtgeschichte bleibt.
Flughafen Berlin-Tegel
„Otto Lilienthal“
Saatwinkler Damm
D-13405 Berlin
IATA: TXL
ICAO: EDDT (bis 1995 EDBT)
RUNWAYS:
08R/26L (2428x46m)
08L/26R (3023x46m)
GESCHICHTE
- bis 1906
- 1906 – 1918
- 1919 – 1945
- 1948 – 1949
- 1949 – 1959
- 1960 – 1964
- 1965 – 1974
- 1975 – 1989
- 1990 – 1995
- 1996 – 2011
- 2012 – 2017
- 2018 – 2021
- 2020 – voraussichtlich 2040er
- seit 2021
Von der Jungfernheide zum militärisch genutzten Gelände (bis 1906)
- Vor dem 20. Jahrhundert lag das spätere Flughafengelände in der Jungfernheide im Nordwesten Berlins. Das Gebiet war zunächst ein Wald- und Jagdgebiet und wurde später zunehmend militärisch genutzt. Die preußische Armee nutzte Teile der Fläche als Schieß- und Übungsgelände. Damit entstand lange vor dem eigentlichen Flughafen bereits eine militärische Prägung, die Tegel später über viele Jahrzehnte begleiten sollte.
- Anfang des 20. Jahrhunderts rückte das Gelände erstmals in den Zusammenhang der Luftfahrt. In Reinickendorf und Tegel entstanden militärische Einrichtungen für die frühe Luftschifffahrt. Auf dem Gelände wurden Versuche mit Luftschiffen und Fesselballonen durchgeführt. Diese frühe Nutzung hatte noch nichts mit einem modernen Flughafen zu tun, war aber ein wichtiger Schritt in der luftfahrtgeschichtlichen Entwicklung des Areals.
Luftschiffhafen und militärische Luftfahrtversuche (1906 – 1918)
- 1906 entstand im Bereich Tegel/Reinickendorf eine erste Luftschiffhalle. Dort wurden frühe Luftschiffkonstruktionen erprobt. Die Anlage diente militärischen Zwecken und war Teil der damaligen Entwicklung, Luftschiffe für Aufklärung, Ausbildung und militärische Beobachtung nutzbar zu machen.
- 1914 veränderte der Beginn des Ersten Weltkriegs die Nutzung des Geländes deutlich. Die militärische Luftschifffahrt wurde stärker auf Ausbildung, Aufklärung und Kriegseinsatz ausgerichtet. Tegel blieb damit ein Ort, an dem sich frühe Formen der Luftfahrt mit militärischen Anforderungen verbanden.
- 1918 endete mit dem Ersten Weltkrieg auch diese erste Phase der militärischen Luftfahrtentwicklung. Das Gelände blieb jedoch weiterhin mit militärischer Nutzung verbunden. Ein Verkehrsflughafen war Tegel zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Zwischenkriegszeit und Randlage der Berliner Luftfahrt (1919 – 1945)
- Nach 1919 verlor das Gelände seine frühe Bedeutung als Luftschiffstandort. Die zivile Berliner Luftfahrt konzentrierte sich in der Zwischenkriegszeit vor allem auf andere Orte, besonders auf Tempelhof. Tegel spielte in dieser Zeit keine Rolle als großer öffentlicher Flughafen.
- In den 1930er Jahren gewann die Luftfahrt in Berlin stark an Bedeutung, doch Tegel blieb im Schatten anderer Standorte. Während Tempelhof zum zentralen Flughafen ausgebaut wurde und andere militärische Plätze entstanden, blieb Tegel eher ein Gelände mit militärischem Charakter und ohne zivile Hauptfunktion.
- 1945 lag Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern. Die Stadt wurde in Sektoren der Alliierten aufgeteilt. Tegel befand sich im französischen Sektor. Diese Lage wurde später entscheidend, denn genau daraus ergab sich die besondere Rolle Tegels während der Berliner Blockade.
Bau des Flugplatzes während der Berliner Luftbrücke (1948 – 1949)
- 24. Juni 1948 begann die sowjetische Blockade der Westsektoren Berlins. Die Versorgung West-Berlins über Straßen, Schienen und Wasserwege wurde unterbrochen. Die westlichen Alliierten reagierten mit der Berliner Luftbrücke. Tempelhof und Gatow reichten für die enorme Zahl der Versorgungsflüge nicht aus. Deshalb wurde im französischen Sektor ein zusätzlicher Flugplatz benötigt.
- 5. August 1948 begann der Bau des Flugplatzes Berlin-Tegel. Französische Stellen, amerikanische Fachleute und zahlreiche deutsche Arbeitskräfte arbeiteten unter großem Zeitdruck. Innerhalb weniger Wochen entstand eine Start- und Landebahn, die damals zu den längsten Europas gehörte. Der Bau war eine technische und organisatorische Ausnahmeleistung, denn Tegel wurde nicht als langfristig geplanter Verkehrsflughafen begonnen, sondern als dringend benötigter Versorgungsflugplatz.
- 5. November 1948 landete das erste Flugzeug in Tegel. Damit war der Flugplatz praktisch einsatzfähig. Die neue Bahn ermöglichte den Einsatz schwerer Transportflugzeuge, die für die Versorgung West-Berlins dringend gebraucht wurden. Tegel wurde damit zu einem wichtigen Baustein der Luftbrücke.
- Dezember 1948 wurde der Flugplatz offiziell in Betrieb genommen. Tegel ergänzte Tempelhof und Gatow und stärkte die Luftversorgung der eingeschlossenen Stadt. Die Anlage war zunächst einfach, provisorisch und funktional. Sie war aus der Not geboren, entwickelte sich aber später zu einem der bekanntesten Flughäfen Deutschlands.
- 12. Mai 1949 endete die Blockade der Landwege offiziell. Die Luftbrücke lief noch einige Monate weiter, um Vorräte aufzubauen und die Versorgung zu stabilisieren. Tegel hatte in dieser Zeit bewiesen, dass der Standort für große Flugzeuge geeignet war.
Französische Militärbasis und Beginn der Nachkriegsnutzung (1949 – 1959)
- Nach 1949 blieb Tegel unter französischer Kontrolle. Der Platz entwickelte sich zur französischen Militärbasis in Berlin. Die zivile Nutzung spielte zunächst keine Rolle. Tegel war ein alliierter Standort in einer geteilten Stadt und gehörte damit direkt zur politischen Realität des Kalten Krieges.
- In den 1950er Jahren wurde Tegel vor allem militärisch genutzt. Die französischen Streitkräfte nutzten den Platz für Verbindungs-, Transport- und Kontrollflüge. Der zivile Luftverkehr West-Berlins lief weiterhin hauptsächlich über Tempelhof. Tegel blieb dagegen ein militärisch geprägter Flugplatz mit einfacher Infrastruktur.
- Ende der 1950er Jahre wurde klar, dass Tempelhof für moderne Düsenflugzeuge nur begrenzt geeignet war. Die kurzen Bahnen in Tempelhof setzten Grenzen. Tegel bot mit seiner längeren Bahn bessere Voraussetzungen für neue Flugzeugmuster. Damit begann der Übergang Tegels vom reinen Militärplatz zum zivil genutzten Flughafen.
Beginn des zivilen Linienverkehrs durch Air France (1960 – 1964)
- 2. Januar 1960 begann der zivile Linienverkehr in Berlin-Tegel. Air France nahm als erste zivile Fluggesellschaft regelmäßige Flüge nach Tegel auf. Der Flughafen war bis dahin im Wesentlichen militärisch genutzt worden. Mit Air France begann die zivile Geschichte Tegels.
- 24. Februar 1960 folgte der Einsatz der Sud Aviation Caravelle im Berlin-Verkehr. Die Caravelle war eines der frühen europäischen Kurz- und Mittelstrecken-Düsenflugzeuge. Der Wechsel nach Tegel hing direkt mit den betrieblichen Grenzen Tempelhofs zusammen. Tegel wurde dadurch zu einem Standort, der moderne Jet-Flugzeuge besser aufnehmen konnte.
- 1961 wurde Tegel für Air France immer wichtiger. Die Verbindung nach Paris und die Nutzung moderner Flugzeuge machten deutlich, dass der Flughafen eine Zukunft im zivilen Verkehr haben konnte. Trotzdem blieb Tegel weiterhin stark vom Sonderstatus West-Berlins geprägt.
- 1964 nahm Pan American World Airways regelmäßige Flüge nach Tegel auf. Pan Am nutzte Tegel unter anderem wegen der längeren Bahn für größere Flugzeuge. Damit war Tegel nicht mehr nur der Flughafen von Air France, sondern wurde zunehmend zu einem Standort der westalliierten Luftverkehrsgesellschaften.
Tegel wird Ausweich- und Entlastungsflughafen für West-Berlin (1965 – 1974)
- 1965 begannen die Planungen für einen modernen zivilen Flughafenbereich in Tegel-Süd. Der bestehende Nordbereich war funktional, aber nicht für einen dauerhaft wachsenden Passagierverkehr ausgelegt. Die Planer entwickelten deshalb eine neue Anlage, die kurze Wege, schnelle Abfertigung und eine direkte Verbindung zwischen Straße, Terminal und Flugzeug ermöglichen sollte.
- 1968 verlagerten immer mehr Charterfluggesellschaften ihren Betrieb von Tempelhof nach Tegel. Tempelhof war überlastet und für größere Maschinen nur eingeschränkt geeignet. Tegel wurde dadurch schrittweise zu einem wichtigen Entlastungsstandort für West-Berlin.
- 1969 begann der konkrete Aufbau der neuen Flughafenanlagen in Tegel-Süd. Die Planungen stammten vom Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner. Das spätere sechseckige Terminal wurde zum Markenzeichen des Flughafens. Es war auf kurze Wege und dezentrale Abfertigung ausgelegt.
- 1970 starteten die Hauptbauarbeiten für den neuen Terminalbereich. Aus einem militärisch geprägten Flugplatz entwickelte sich nun ein moderner Verkehrsflughafen. Die Form des Terminals unterschied Tegel deutlich von vielen anderen Flughäfen seiner Zeit.
- 1972 wurde beim Neubau Richtfest gefeiert. Gleichzeitig wuchs der Verkehr weiter. Chartergesellschaften, alliierte Airlines und internationale Verbindungen machten Tegel immer bedeutender. Die neue Anlage sollte den Flughafen endgültig aus seiner provisorischen Vergangenheit herausführen.
- 23. Oktober 1974 wurde das neue Terminal feierlich eingeweiht. Die Architektur war für die damalige Zeit ungewöhnlich modern. Besonders bekannt wurde das Konzept, mit dem Auto sehr nah an das jeweilige Gate fahren zu können.
- 1. November 1974 nahm das neue Terminal den Betrieb auf. Der erste planmäßige Flug am neuen Terminal kam mit Dan-Air aus Teneriffa. Damit begann die eigentliche Ära des Flughafens Berlin-Tegel als moderner Verkehrsflughafen.
Der moderne Flughafen West-Berlins (1975 – 1989)
- 1975 entwickelte sich Tegel zum wichtigsten Flughafen West-Berlins. Der zivile Verkehr verlagerte sich zunehmend von Tempelhof nach Tegel. Besonders internationale und touristische Verbindungen prägten den Standort. Pan Am, British Airways, Air France, Dan-Air und weitere Gesellschaften bestimmten das Bild.
- In den späten 1970er Jahren wurde Tegel zum Tor West-Berlins in die westliche Welt. Wegen des Viermächte-Status durften deutsche Fluggesellschaften West-Berlin nicht im regulären Linienverkehr bedienen. Deshalb dominierten Airlines aus den westlichen Besatzungsmächten. Diese besondere politische Situation machte Tegel zu einem außergewöhnlichen Flughafen innerhalb Deutschlands.
- 1979 begann Air Berlin ihre Geschichte mit Flügen von und nach Berlin. Die Gesellschaft war damals noch ein US-amerikanisches Unternehmen, weil der alliierte Status West-Berlins eine deutsche Betreiberstruktur nicht zuließ. Später wurde Air Berlin eng mit Tegel verbunden und entwickelte sich zu einer der wichtigsten Airlines am Standort.
- In den 1980er Jahren wuchs Tegel weiter. Der Flughafen wurde für viele West-Berliner zum wichtigsten Abflugort. Die kurzen Wege und die zentrale Lage machten ihn beliebt, gleichzeitig stieß die Anlage bei zunehmenden Passagierzahlen immer stärker an ihre Grenzen.
- 7. Juni 1988 erhielt der Flughafen den Namenszusatz „Otto Lilienthal“. Damit wurde der deutsche Flugpionier geehrt, der eng mit der frühen Luftfahrtgeschichte Berlins verbunden ist. Von nun an trug der Flughafen offiziell den Namen Flughafen Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“.
- 1988 nahm EuroBerlin France den Betrieb auf. Die Gesellschaft war eine besondere Konstruktion der Zeit vor der Wiedervereinigung. Sie verband französische Verkehrsrechte mit deutscher Beteiligung und bediente von Tegel aus wichtige innerdeutsche Strecken. Das zeigte, wie stark der Berliner Luftverkehr noch immer durch den Sonderstatus der Stadt bestimmt wurde.
- 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Für Tegel begann damit eine neue Phase. Der Flughafen war nun nicht mehr nur das Lufttor West-Berlins, sondern wurde Teil der künftigen Hauptstadtregion Berlin.
Wiedervereinigung und Öffnung für deutsche Fluggesellschaften (1990 – 1995)
- 3. Oktober 1990 endete mit der deutschen Wiedervereinigung der alliierte Sonderstatus. Die Beschränkungen im Berliner Luftverkehr fielen weg. Deutsche Fluggesellschaften durften Tegel nun regulär anfliegen. Damit veränderte sich die Struktur des Flughafens grundlegend.
- 28. Oktober 1990 nahm Lufthansa den Linienverkehr nach Berlin-Tegel auf. Für die deutsche Luftfahrt war das ein bedeutender Einschnitt, denn Berlin war nach Jahrzehnten wieder direkt in das innerdeutsche Netz deutscher Fluggesellschaften eingebunden.
- 1991 veränderte sich der Markt weiter. Die alte alliierte Sonderstellung verlor an Bedeutung, während neue deutsche und internationale Anbieter nach Berlin kamen. Tegel profitierte vom politischen Wandel, musste aber zugleich immer mehr Verkehr aufnehmen.
- 1994 endete die französische Militärbasis in Tegel im Rahmen des Abzugs der westalliierten Streitkräfte aus Berlin. Damit verschwand ein wesentlicher Teil der ursprünglichen Nachkriegsgeschichte des Flughafens. Der militärische Charakter des Nordbereichs blieb jedoch nicht vollständig verschwunden, denn spätere Bundeswehrnutzungen knüpften an die bestehende Infrastruktur an.
- 1995 wurde der ICAO-Code von EDBT auf EDDT geändert. Tegel war nun fest als großer ziviler Verkehrsflughafen im vereinten Berlin etabliert. Gleichzeitig begannen bereits die politischen Planungen für einen neuen Hauptstadtflughafen, der langfristig die Berliner Flughafenlandschaft neu ordnen sollte.
Hauptstadtflughafen auf Zeit und wachsende Überlastung (1996 – 2011)
- 1996 fiel die Grundsatzentscheidung für den Ausbau von Schönefeld zum neuen Flughafen Berlin Brandenburg. Tegel sollte langfristig geschlossen werden. Diese Entscheidung prägte die kommenden Jahrzehnte. Weil Tegel eigentlich keine dauerhafte Zukunft haben sollte, wurde der Flughafen nur begrenzt weiterentwickelt.
- In den späten 1990er Jahren stiegen die Passagierzahlen weiter. Tegel wurde immer stärker belastet. Die Anlage war für deutlich weniger Passagiere geplant, musste aber zunehmend den Hauptteil des Berliner Verkehrs tragen.
- 2001 veränderte sich der Luftverkehr weltweit durch die Terroranschläge vom 11. September. Auch Tegel musste neue Sicherheitsanforderungen umsetzen. Die dezentrale Terminalstruktur, die früher ein Vorteil war, brachte nun zusätzliche Herausforderungen, weil Sicherheitskontrollen und Wartebereiche auf viele einzelne Bereiche verteilt waren.
- In den 2000er Jahren wuchs besonders Air Berlin in Tegel stark. Die Airline machte den Flughafen zu einer ihrer wichtigsten Basen. Gleichzeitig blieb Tegel wegen seiner Nähe zur Innenstadt beliebt. Die kurzen Wege galten als großer Vorteil, die Enge der Anlage wurde aber immer deutlicher spürbar.
- 2006 wurde Berlin wieder stärker als Hauptstadt, Regierungsstandort und touristisches Ziel wahrgenommen. Tegel profitierte von diesem Wachstum, litt aber zugleich unter fehlenden Ausbaureserven. Der Flughafen wurde für viele Reisende praktisch und bequem, für Betreiber und Anwohner aber zunehmend problematisch.
- 2011 war Tegel endgültig ein überlasteter Großstadtflughafen. Die Kapazitäten reichten für den tatsächlichen Verkehr kaum noch aus. Die geplante Eröffnung des neuen BER sollte diese Situation eigentlich bald beenden.
BER-Verzögerungen und Tegel als Dauerprovisorium (2012 – 2017)
- 2012 sollte der neue Flughafen Berlin Brandenburg eröffnen, doch die Eröffnung wurde kurzfristig verschoben. Für Tegel bedeutete das eine unerwartete Verlängerung des Betriebs. Der Flughafen musste weiterlaufen, obwohl er seit Jahren als Auslaufmodell galt.
- 2013 wurden zusätzliche Investitionen nötig, um Tegel betriebsfähig zu halten. Die Infrastruktur musste instand gehalten werden, obwohl der Flughafen politisch weiterhin zur Schließung vorgesehen war. Dadurch entstand ein typisches Dauerprovisorium: Tegel war unverzichtbar, aber nicht mehr langfristig geplant.
- 2014 fertigte Tegel deutlich mehr Passagiere ab, als die ursprüngliche Planung vorgesehen hatte. Das Terminalkonzept mit kurzen Wegen funktionierte zwar erstaunlich leistungsfähig, doch die Anlage war überlastet. Warteschlangen, enge Warteräume und begrenzte Abfertigungskapazitäten gehörten zum Alltag.
- 2016 wurde die Debatte um einen Weiterbetrieb Tegels politisch immer lauter. Viele Berliner schätzten den Flughafen wegen seiner Lage und der schnellen Erreichbarkeit. Gegner eines Weiterbetriebs verwiesen auf Lärm, Überlastung, Sicherheitsfragen und die Planungen für den BER.
- 2017 endete mit der Insolvenz von Air Berlin eine prägende Ära. Air Berlin war über viele Jahre eine der wichtigsten Fluggesellschaften in Tegel gewesen. Der Zusammenbruch der Airline veränderte den Verkehr am Flughafen stark, doch Tegel blieb weiterhin unverzichtbar für Berlin.
- 24. September 2017 stimmte beim Volksentscheid eine Mehrheit der teilnehmenden Berliner für den Weiterbetrieb Tegels. Der Volksentscheid war politisch bedeutend, rechtlich aber nicht bindend. Die offizielle Flughafenplanung blieb auf die Schließung Tegels nach Inbetriebnahme des BER ausgerichtet.
Letzte Betriebsjahre und Schließung des zivilen Flughafens (2018 – 2021)
- 2018 lief Tegel weiter am Limit. Der Flughafen war für viele Reisende praktisch, aber technisch und räumlich nicht mehr zeitgemäß. Die Diskussion um Lärm, Kapazität und Zukunft blieb bestehen.
- 2019 erreichte Tegel mit mehr als 24 Millionen Passagieren einen seiner höchsten Werte. Die Anlage war ursprünglich für deutlich weniger Verkehr ausgelegt. Damit wurde besonders sichtbar, wie stark Tegel über Jahrzehnte über seine geplante Kapazität hinaus betrieben wurde.
- 31. Oktober 2020 wurde der Flughafen Berlin Brandenburg eröffnet. Damit begann der endgültige Umzug des Berliner Luftverkehrs. Tegel verlor seine Funktion als ziviler Hauptstadtflughafen.
- 8. November 2020 endete der reguläre Passagierflugbetrieb in Berlin-Tegel. Der letzte planmäßige Linienflug startete mit Air France nach Paris. Das hatte eine besondere symbolische Bedeutung, weil Air France 1960 den zivilen Linienverkehr in Tegel eröffnet hatte. Damit schloss sich nach 60 Jahren ziviler Luftfahrt ein Kreis.
- 4. Mai 2021 wurde der Flughafen Berlin-Tegel luftrechtlich geschlossen beziehungsweise außer Betrieb genommen. Der zivile Flughafen TXL war damit Geschichte. Die Flugbetriebsfunktionen wurden beendet, das Gelände ging schrittweise in die Nachnutzung über.
- 5. Mai 2021 war Tegel nicht mehr als ziviler Verkehrsflughafen gewidmet. Der alte Flughafen wurde für neue Nutzungen vorbereitet. Gleichzeitig blieb jedoch ein entscheidender Teil weiterhin aktiv: Tegel Nord.
Tegel Nord und der Weiterbetrieb durch die Bundeswehr (2020 – voraussichtlich 2040er Jahre)
- 2020 wurde festgelegt, dass der zivile Flughafen Tegel zwar geschlossen wird, der militärische Bereich Tegel Nord aber nicht vollständig aufgegeben wird. Besonders die Hubschrauber der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung blieben dort stationiert. Damit endete die Luftfahrtgeschichte Tegels nicht vollständig mit dem letzten Linienflug.
- Nach dem 8. November 2020 blieb Tegel Nord als militärischer Standort weiter in Betrieb. Während der zivile Passagierverkehr zum BER wechselte, nutzte die Bundeswehr den Nordteil weiter als Basis und Start- und Landepunkt für Hubschrauber. Diese Trennung ist wichtig: Der Flughafen Tegel als ziviler Verkehrsflughafen wurde geschlossen, Tegel Nord blieb jedoch militärisch aktiv.
- 2021 wurde deutlich, dass die Bundeswehr nicht sofort vollständig an den neuen Regierungsflughafenbereich am BER wechseln konnte. Die notwendige Zielinfrastruktur in Schönefeld war noch nicht fertig. Deshalb blieb Tegel Nord als Übergangslösung erhalten.
- Bis voraussichtlich 2029 sollte Tegel Nord nach damaliger Planung weiter durch Teile der Flugbereitschaft genutzt werden. Besonders die für den Betrieb der Cougar-Hubschrauber notwendigen Einheiten sowie ein Stabselement sollten am Standort bleiben. Der spätere Umzug sollte in die Zielinfrastruktur am Regierungsflughafen in Schönefeld erfolgen.
- Ab 2025 veränderte sich die Perspektive erneut. Wegen des gestiegenen militärischen Flächenbedarfs und der veränderten Sicherheitslage rückte Tegel Nord wieder stärker als strategische Bundeswehrliegenschaft in den Fokus. Teile des Areals, die ursprünglich für zivile Nachnutzung vorgesehen waren, blieben dadurch länger militärisch relevant.
- Bis in die 2040er Jahre ist nach neueren Planungen ein weiterer militärischer Verbleib von Teilen Tegel Nords möglich. Besonders die Hubschrauber der Flugbereitschaft bleiben dabei der zentrale Grund für den Weiterbetrieb. Damit bleibt Tegel Nord ein Sonderfall: Der zivile Flughafen ist Geschichte, aber ein militärischer Restbetrieb führt die luftfahrtbezogene Nutzung des Standortes fort.
Nachnutzung des zivilen Flughafengeländes (seit 2021)
- Seit 2021 wird das frühere zivile Flughafengelände schrittweise für neue Nutzungen vorbereitet. Geplant sind unter anderem die „Urban Tech Republic“, die Ansiedlung von Forschung, Technologie und Hochschule sowie das Schumacher Quartier mit neuen Wohnungen. Das frühere Terminal A soll in die neue Nutzung eingebunden werden.
- 2022 wurde ein Teil des ehemaligen Flughafengeländes für die Unterbringung von Geflüchteten genutzt. Dadurch erhielt Tegel nach der Schließung noch einmal eine völlig andere, humanitäre Funktion. Die frühere Flughafeninfrastruktur wurde damit nicht sofort zu einem neuen Stadtquartier, sondern zunächst auch für akute gesellschaftliche Aufgaben verwendet.
- 2025 und danach bleibt die Entwicklung des Areals komplex. Die zivile Nachnutzung, Fragen des Denkmalschutzes, Altlasten, Kampfmittelräumung, Wohnungsbau, Hochschulplanung und die weiter bestehende Bundeswehrnutzung in Tegel Nord greifen ineinander. Tegel ist damit nicht einfach ein geschlossener Flughafen, sondern ein Gelände im Übergang.





